Benefizkonzert für das Lochman Stipendium - 21. Oktober 2018

von Dan Holder

Rede von Vikar Silas Deutscher

Sehr verehrte Damen und Herren

Mein Name ist Silas Deutscher, ich bin der Vikar hier in der Dorfkirche und ich habe das schmeichelhafte Vergnügen noch ein kurzes Wort an Sie zu richten bevor wir uns den wunderbaren Klängen dieses Konzertes hingeben. Heute kommt nun der Logos vor dem Mythos, das Wort vor dem Klang.

«Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott».

Diese Zeilen formulierte der deutsche Theologe Dietrich Bonhoeffer in einer Situation bangen Hoffens und zuversichtlichen Vertrauens im Juni 1944. Die Frage des Menschen nach sich selbst ist die schwierigste, rätselumwobenste, tiefste und zugleich wichtigste Frage, mit der wir es zu tun haben.

Sind wir die Summe all der Einflüsse, die auf uns einströmen? Wer bin ich ganz persönlich im Unterschied zu den Anderen und wer oder was ist der Mensch überhaupt insgesamt? Wer bin ich denn abseits aller Rollen, die ich zu spielen habe?

Ich muss Sie wohl gar nicht darauf aufmerksam machen, dass die Frage des Menschen nach sich selbst auch eine der umstrittensten Fragen ist. Ist der Mensch ein blosses Säugetier, das sich unverhofft wiederfindet als ein mit Bewusstsein ausgestattetes Resultat eines natürlichen Entfaltungsprozesses? Ist der Mensch eine Geistwesen, das in seinem Körper gefangen ist und auf die grosse Heimkehr wartet? Die Fragen nach der menschlichen Existenz sind weiträumig, vielschichtig und sie hängen natürlich zusammen mit der Gottesfrage. Vielleicht fragen Sie sich selbst auch immer mal wieder, wer sie sind. Möglicherweise auch nicht. Wie dem auch sei, auch empirische Daten zeigen ganz eindeutig:

Es ist wichtig, für wen sie sich halten. Es bestimmt die Art und Weise, wie sie leben, es bestimmt das Mass ihrer Kraft, das Mass Ihrer Verzweiflung und auch das Mass Ihrer Freude. 

Sie sehen unmissverständlich, dass die Frage der Identität auch in unseren Medien präsent ist. Menschen suchen eine Geschichte, in die sie sich mit Haut und Haar, mit der ganzen Inbrunst Ihres Geistes, mit allem was sie sind, einbergen können.

Nach den viele Ideologien den 20. Jahrhunderts und deren Zerbruch winken viele Intellektuelle ab und sagen uns, die grossen Geschichten seien zerbrochen, jeder Mensch müsse seine eigene Geschichte finden, seine eigene Identität produzieren. Viele Menschen sind dazu freigesetzt (oder wollen wir sagen verurteilt?), ihre eigene Geschichte zu erfinden, zu entwerfen und dann erfolgreich durchzuführen. Vielleicht fällt uns auf, dass der Mensch damit eigentlich überfordert ist und, dass dies möglicherweise eine derjenigen Freiheiten sein könnte, die sein Mass übersteigt. Aber worin soll die Alternative bestehen? Was bleibt uns in dieser Wirrnis? Was bleibt in diesem Nichtwissen, diesem Fragen nach sich selbst?

Wir sollten die Frage nach uns selbst nicht vorschnell beantworten wollen. Es ist nicht einfach den Menschen zu fassen und es wird uns wohl nie eigenmächtig gelingen. Ich bin mir selbst das grösste Rätsel. Sokrates wusste dies schon.

Christliche Theologie und Tradition geht davon aus – und sie darf das mit eindeutiger Klarheit, ohne falsche Scham aussprechen - dass die Frage nach unserer Identität etwas mit Jesus Christus zu tun hat. Damit, dass ein Anderer Bürge ist unserer eigenen Geschichte.

Am Grund des menschlichen Fragens nach sich selbst sieht die christliche Theologie das Geheimnis seiner Gotteskindschaft, die alle technische Machbarkeit, jede Ästhetik, jeden selbstfabrizierte Entwurf des Menschen von sich selbst durchkreuzt und heilt.

Darüber nachzusinnen, was christliche Identität ist und was dies bedeuten könnte für unsere Zeit und ihre besonderen Herausforderungen, das ist unsere Aufgabe und darüber wollen wir uns Gedanken machen bei den kommenden Lochman Lectures. Unsere Gesellschaft braucht Menschen, die sich Ihrer Identität bewusst werden und diesbezüglich auch kulturell sprachfähig sind in den Diskursen, die unsere Gesellschaft implizit steuern.

Ich möchte Sie in diesem Zusammenhang gerne aufmerksam machen auf die Lochman Lectures 2019. Das Thema lautet wie folgt: «Identität – Christian Identity». Diese nächsten Lochman Lectures werden als Veranstaltung des Evangelischen Studienhauses (welches sie dankbarerweise unterstützen) also im Mai 2019 stattfinden, genauer gesagt vom 23. – 26. Mai. Sie richten sich an Studierende, Pfarrpersonen und weitere kirchliche Mitarbeiter und auch an theologisch interessierte Laien - jeder Person ist herzlich dazu eingeladen.

Es besteht auch die Möglichkeit die öffentlichen Vortragsteile einzeln zu besuchen.

Die Tagung wird in Zusammenarbeit mit den theologischen Fakultäten Klausenburg in Rumänien, der Universitäten Basel, Zürich und der STH Basel, durchgeführt. Die Frage nach christlicher Identität dient der Erneuerung von Kirche und Theologie und damit im weiteren Sinn der Erhaltung und Gestaltung unserer Gesellschaft. Ich lade Sie also ganz herzlich ein, sich diese Daten schon einmal vorzumerken. Hinten finden Sie bereits eine Frühversion des Flyers, den Sie gerne mitnehmen dürfen. Weiter Informationen finden Sie ebenfalls im Internet.

Nun schliesse ich wieder mit Bonhoeffer:  

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.

Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich o Gott!

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